langsam

Zu den Fotografien von Wilhelm Hegener

 

Einer der erfolgreichsten Soziologen der Gegenwart in Deutschland ist Hartmut Rosa. Er schreibt über die Beschleunigung als Merkmal unserer Kultur. ‚Entschleunigung‘ ist ein populäres Wort unserer Tage, eine Neuschöpfung, die nicht ohne Grund Teil unserer Sprache wurde. Wirtschaft und Technologie setzen auf Schnelligkeit und Überwältigung: Steigerung der Produktion, permanentes Wachstum, Fülle des Konsums. Das alles verbunden mit ästhetischem Terror: Auf Überwältigung der Sinne und des Verstandes angelegte Bilder der Medien - ob Werbung, Film, Unterhaltungsshow, alles in schneller Abfolge, nicht selten sogar simultan auf dem Monitor von TV, PC, Smartphone. Fortsetzung in der realen Welt: Ästhetische Aufrüstung der Einkaufsmeilen und Konsumtempel, Jagd nach Schönheit und ‚Coolness‘ auf dem erhitzten Markt der Eitelkeiten, und wenn alles zuviel wird: ‚Burnout‘. Selbst die Kunst ist inzwischen erfasst von der rasenden Maschinerie aus Profit und schönem Schein – Kunstmessen rund um den Globus an den Orten, wo bewusstlose  Reiche und Schöne bereit sind, astronomische Preise zu bezahlen für Massenware, die den Kunstmarkt überschwemmt. Verrückte Verkehrung der Verhältnisse im Rausch, wo die Preise phantasievoller sind als die Werke, für die sie bezahlt werden.

 

Wilhelm Hegener geht in den Wald. Radikale Entschleunigung. Er nimmt die Fotokamera mit, ein technisches Instrument zur schnellen Erzeugung von Bildern. Die Fotografie erst macht die Bilderflut der Medien möglich. Es ist ein demokratisches Medium, denn fotografieren kann im Prinzip jeder. Doch nicht jeder ist in der Lage, auf diese Weise Bilder zu machen, die uns innehalten lassen, langsam werden lassen, um genauer hinzuschauen, aufmerksam zu betrachten, was denn da zu sehen ist.  Dazu muss eine Faszination ausgehen von den Bildern, die anders sind als das, was wir in der Massenproduktion der Medien zu sehen gewohnt sind. Statt schnell weiter zu zappen, veranlassen uns solche Bilder, unseren Blick in sie zu versenken und etwas zu tun, wozu uns sonst kaum noch Zeit bleibt: zu sehen, zu entdecken, erstaunt zu sein und zu genießen. Um solche Bilder zu erzeugen, muss man gewohnte Wege, ausgetretene Pfade verlassen. Wilhelm Hegener tut das buchstäblich. Er geht nicht nur hinaus aus der Beschleunigungskultur in die ruhige Natur, sondern er verlässt auch dort die angelegten Wege, um dahinter, im Entlegenen, Dinge zu entdecken, die der Aufmerksamkeit des Wanderers und Spaziergängers leicht entgehen. Genau genommen ist es so, dass auch die Wälder des Sauerlandes Teil der Industrie- und damit der Beschleunigungskultur sind. Es sind Wirtschaftswälder, und solange sie nicht abgeholzt werden, sind sie profitabel als Orte des Tourismus. Gleichwohl sind sie immer noch Orte des Wunders, der verschwiegenen Schönheit, die man ahnt, wenn man sich in ihnen bewegt, nach denen man sich sehnt, wenn man in ihnen Ruhe und Entspannung sucht.

 

Wilhelm Hegener hat einen Blick für solche Orte und Momente in der Natur, ob in den heimischen Wäldern oder auf den Höhen des Pico del Teide auf Teneriffa. Um die Momente der Schönheit und des Staunens zu erfahren, braucht es Muße, Muße des Fotografen, um sich einzufühlen am Ort und ein Gefühl zu entwickeln für das, was da vor Augen liegt und einen umgibt. Natur in ihrer Fülle ist chaotisch, sofern sie nicht industriell gezirkelte Monokultur oder gehübschter Park ist. Ihre Schönheit wird gespürt, aber es erschließt sich nicht ohne weiteres, wie sie festzuhalten wäre. Der Blick schweift, aber es erschließt sich nicht ohne Weiteres ein Bild, welches die Magie des Ortes und des erlebten Augenblicks zur Darstellung und zum Ausdruck zu bringen vermag. Diesen Blick muss man üben, aber man kann ihn nur üben, wenn man ein Gespür für das Bild hat, was in der Fülle der Naturerscheinungen angelegt ist. Die Kamera gibt nur einen Ausschnitt wieder, aber gerade dadurch hebt sie aus dem Chaos das Bild hervor. Es ist die Kunst des Fotografen, genau dieses zu entdecken und den glücklichen Moment zu fixieren, in dem das Licht und die Schatten, die Bäume und Gräser, die Strukturen und der Raum so zusammenstimmen, dass daraus ein wunderbarer Anblick wird, der den Betrachter des Bildes fasziniert, fesselt, und ihn teilhaben lässt an der Magie des Augenblicks. Wilhelm Hegener hat diesen Blick des künstlerischen Fotografen, der nicht einen Schnappschuss macht, sondern ein Gefühl gestaltet. Er produziert Bilder der Langsamkeit. Langsam bewegt er sich vor Ort, um zu spüren und zu entdecken. Langsamkeit strömt uns aus den Bildern entgegen, die bewegte Ruhe der Natur. Langsam werden wir als Betrachter, indem wir uns in die Bilder hineinversenken. Kunstvolle Bilder wie diese lassen uns wieder die genaue Wahrnehmung üben und unser Gefühl für die Dinge entwickeln. Damit die Fotografien so etwas leisten können, muss der Fotograf sie bearbeiten. Ist der gewählte Ausschnitt vor Ort schon eine gezielte Reduktion der Fülle der Erscheinungen, so ist das Schwarz-Weiß-Foto eine weitere Abstraktion. Seine Grauwerte, seine Tiefenschärfe und seine Kontraste werden zudem am Computer so einjustiert, dass sie zu eindrücklicher Wirkung kommen. Starke Bilder der Fotografie sind keine Abbildungen der Realität. Sie sind in sich stimmige Bilder, die eigenen Gesetzmäßigkeiten folgen, um ausdrucksvoll und wirksam ihren Gegenstand vorzustellen. Kunstwerke sind eine eigene Realität, die uns erst als solche etwas Neues über die Realität dessen sagen, was sie darstellen.

 

Wilhelm Hegeners Naturfotografien sind romantisch. Nicht im trivialen Sinne, dass sie vordergründige Gefühle bedienen wie z.B. der durch milliardenfaches Fotografieren abgenutzte Sonnenuntergang. Sie stehen vielmehr in der höchst lebendigen Tradition der Romantik, die traditionell in der Natur eine Begegnung mit dem Erhabenen suchte, als Gegenmittel gegen die Bedrängungen und Oberflächlichkeiten des Alltags. Dieses Bedürfnis ist in der rasend gewordenen Konsum- und Leistungsgesellschaft stark wie eh und je, wenn nicht stärker. Auch auf dieses Bedürfnis stürzt sich der Kommerz, dreht Heimatfilme, druckt Kalender mit idyllischen Naturmotiven und verwandelt Landschaften in touristische Freizeitparks. Inmitten der Zurichtungen der Natur und unserer Wahrnehmung durch die Erlebnisgesellschaft die Magie eines entlegenen Ortes zu entdecken, die Besonderheit der Dinge zu erfassen, dieses in einem Bild zu vermitteln und den Blick der Betrachter zu verlangsamen und sie teilhaben zu lassen an der Faszination, das ist die Kunst der Fotografie von Wilhelm Hegener. Darin ist sie, obwohl sie aus Raum und Zeit zu fallen scheint, höchst zeitgemäß.

 

Carl-Peter Buschkühle